Einzelausstellung mit neuen figurativen Prunkräumen und einer Auswahl an Papierarbeiten aus meinen Skizzenbüchern.
Raumnotizen
Einführungstext von Mareike Spendel
Der Maler Tobias Buckel hat in den letzten Jahren den Raum immer wieder zum Gegenstand seiner Ausstellungen und auch seiner letzten Publikation gemacht. Raum im Sinne von Bildraum, der Darstellung von Dreidimensionalität. Dabei geht es dem Künstler darum, Bilder zu schaffen, die mehrdeutig bleiben. Wir Betrachter*innen haben den Raum in Bildern sehen gelernt: Wir lesen und erkennen aus Fluchtlinien und Schatten gezeichnete Raumperspektiven. In seiner abstrakten Malerei verbindet Tobias Buckel farbige Flächen und Linien so, dass eine gewisse Sogwirkung entsteht und ein Raum sich andeutet. Gleichzeitig schieben sich jedoch wieder andere Linien, andere Flächen ins Bild und brechen diese Wirkung. Dadurch bleiben die Malereien Bilder – flach. Ganz anders in den so genannten „Salon-Bildern“. Diese malte der Künstler zuletzt vor über zehn Jahren. Bislang bildeten sie eine eigene Werkgruppe, die der Künstler nun gezielt in Dialog setzt mit abstrakten Arbeiten.
Als Betrachter*in lässt man sich zunächst verführen durch die Sogwirkung der farb- und detailreichen „Salon-Bilder“ Tobias Buckels. Schwungvoll gibt der Maler die barocke Überfülle der Repräsentationsräume wieder, als Feier einer absichtsvollen und kunstvollen Inszenierung von Raum aus einer Fülle geometrischer Formen, welche den Raum gliedern und durch Spiegelungen wiederholt und vervielfacht werden. Neben den architektonischen Elementen und ornamentalen Mustern finden sich in den barocken Räumen auch figurative Decken- und Wandgemälde. Spätestens hier fällt auf, dass der Künstler auch in den figürlichen Bildern vereinfacht und abstrahiert. Bei näherer Betrachtung stolpert unser Blick über fehlende Details.
Die erste der figürlichen Malereien ist Nach Amalienburg (2020). Die überbordende, vergoldete und versilberte Stuckornamentik des dargestellten Spiegelsaals ist mit raschen blauen, grauen und braunen Pinselstrichen hingetupft und in die Fläche übersetzt. Der geschwungene, transparent-blasse, gläserne Lüster fügt sich flach in den Hintergrund ein. Im Zentrum stehen jedoch die drei großen Spiegel, die die in unserem Rücken liegenden Fenster und das hereinströmende Licht zittrig zurückwerfen. Auch in der Arbeit Nach Palazzo Carigniano (2021) spielt das Licht eine wichtige Rolle. Der Betrachterstandpunkt ist hier erhöht, übermenschlich. Dies steigert die Dramatik der Regie von Licht und Schatten, welche die Raumansicht dominiert.
Das größte, mehrheitlich in Rotbraun gehaltene Gemälde mit dem Titel Nach Schloss Eggenberg, Beletage (2021) ist in flächigen Partien wie den Wänden mit schnellen, fast groben Strichen ausgeführt. Klar sichtbare Pinselstriche deuten außerdem die Struktur eines Holzbodens an, lockere kurze Pinselstriche die Stuckaturen. Die Deckengemälde sind als braun-, schwarz-, und ockerfarben modulierte Flächen wiedergegeben. Allein das gerahmte Brustbildnis an der gegenüberliegenden Wand ist mit der groben Wiedergabe eines Torsos auf dunklem Grund als figürliche Malerei erkennbar.   
Die Titel von Tobias „Salon-Bildern“ benennen konkrete Orte, doch sind diese real existierenden Räume und ihre Geschichte für den Künstler für seine Malereien tatsächlich wichtig? Könnte man auch hier wieder von Abstraktion sprechen? Die Übersetzung der Fotografien der historischen Interieurs in die Malerei ist bereits eine Form der Abstraktion und man könnte auch sagen, der Blick in die Vergangenheit und die Beschäftigung mit Geschichte sind es. Wir wissen, dass die Komplexität dessen, was früher einmal Gegenwart war, zu rekonstruieren unmöglich ist. Es muss bei einer Annäherung, Vereinfachung und auch Verfälschung bleiben. Und so könnte man sagen, dass, was in den figürlichen Arbeiten von Tobias Buckel wie ein Blick in die Geschichte wirkt, unscharf bleibt und an der Oberfläche verharrt.  
Denn geht es dem Maler tatsächlich um eine Auseinandersetzung mit dem Erbe der europäischen Kunstgeschichte? Die Entscheidung barocke Prunkräume zu malen führt dazu, dass der Künstler mit seinen „Salon-Bildern“ vermeintliche Blicke in die Vergangenheit inszeniert. Es ist genau ihr charakteristischer Reichtum an Formen und Farben, der erlernt ist und sie als solche für uns erkennbar macht. Als kulturelles Erbe werden Schlösser und Landsitze konserviert und ausgestellt. Ihre ursprüngliche Funktion der Repräsentation diente dem politischen Machterhalt ihrer Erbauer. Diese Funktion haben sie heute nicht mehr. Doch Repräsentationsräume sind es immer noch. Sie repräsentieren vergangene Zeiten – Zeiten, die sich klar von unserer gelebten Gegenwart unterscheiden. Der Künstler gibt diese Räume immer vermeintlich objektiv, aus den Blickwinkeln „klassischer“ Architekturfotografie wieder, ohne sie durch abweichende Fluchtlinien oder andere größere Verfremdungen subjektiviert darzustellen. Ziel ist ein distanzierter Blick in die Vergangenheit ohne Nostalgie und Romantisierung.   
Auch für die abstrakten Arbeiten aus seinen Skizzenheften greift Tobias Buckel auf Fotografien und Bildmotive zurück. Oft experimentiert der Künstler hier, indem er zwei unterschiedliche fotografische Motive auf einem einzelnen Blatt zum Verschmelzen bringt. Überhaupt geht der Maler in seinen Skizzenheften intuitiv und spielerisch vor. Nur wenige einzelne Blätter löst er später als eigenständige Arbeiten heraus. Die eigentliche Komplexität dieser „Skizzen“ erweist sich erst bei näherer Betrachtung. Doch wie genau äußert sie sich? Auch in den abstrakten Arbeiten lassen sich Elemente – Fragmente – des gebauten Raums entdecken: Mauern, Fliesen, Türen, Tore, Wände, Zäune, Gitter, Fenster, Jalousien, Treppenaufgänge, Strommasten, hier vielleicht der Fuß eines Windrades vor einer nächtlichen Ackerlandschaft oder dort die Andeutung einer modernen Stadtlandschaft mit gläsernen Wolkenkratzern. Und genau hier beginnt die Komplexität – mit unserer eigenen Unsicherheit als Betrachter*innen: Was sehen wir wirklich?  
Mit seinen abstrakten Skizzen präsentiert uns der Maler Tobias Buckel auch ein ganzes Kaleidoskop von Räumen und Perspektiven. Der Raum gestaltet sich darin oft aus Splittern und Fragmenten, wie zum Beispiel in der Arbeit o.T. (Zigzag) (2019), in der man die Ansicht eines Turms aus blauen, eckigen Klötzen, aber ebenso die Aufsicht auf einen Fluss vermuten kann. Dieser schlängelt sich allerdings nicht als blaues Band in harmonischen Kurven durch eine Landschaft. Stattdessen sehen wir Fragmente dieses Bands wie durch ein Prisma: zerschnitten und versatzstückhaft, gewissermaßen aus mehreren Perspektiven gleichzeitig.
Auch in der Arbeit o.T. (Feld) (2018) meint man in Vogelschau eine Landschaft zu erahnen in dem bloß angerissenen Muster aus grünen Linien und Kreisen. Gleichzeitig deuten die in Hellbraun gezeichneten Fluchtlinien am unteren Rand des Blattes doch Tiefe an. Und erinnern uns die weißen Farbkleckse in der Mitte des Bildes nicht an Wolken?
Vielleicht um sich dem nach Figürlichem suchenden Blick zu widersetzen, tauchen in den Skizzenblättern auch abstrakte Zeichen als Bestandteil der Komposition auf. So beispielsweise in der Arbeit o.T. (o.u.l.r.) (2018) mit den zwei großen gelben Pfeilen und den beiden Dreiecken vor duftigem, grau-, grün- und orangefarbenem Hintergrund. Oder aber in dem Blatt o.T. (T) (2019), in der unteren Reihe ganz links, in dem eine auf dem Kopf stehende T-Form in Rostorange aus einem an den Rändern grün und rosa schimmernden weißen Nebel auftaucht.
Widerständigkeit zeigt sich jedoch auch in den Blättern mit deutlicher Anlehnung an Architektur, zum Beispiel in der Arbeit o.T. (Durchgang) (2018), in dem unser Blick über mit einem Rautenmuster angedeutete Fliesen wandert und durch eine dunkelblaue Türöffnung hindurch, die nicht nur zwei, sondern drei hintereinander liegende Räume miteinander verbindet. So wirkt das Bild als Kippbild – betont flächig und räumlich zugleich.
So erfährt man bei der Betrachtung von Tobias Buckels Bildern, dass das Sehen an sich nicht nur er- und gelernt ist, sondern auch damit zu tun hat, was wir sehen wollen. Indem Tobias Buckel in seiner Ausstellung Raumnotizen erstmals seine beiden Werkgruppen, die „Salon-Bilder“ und Skizzenhefte, zueinander in Beziehung setzt, stellt er einige grundsätzliche, allgemeine Fragen in den Raum: Was ist Abstraktion? Gibt es so etwas wie den zeitgenössischen Blick? Wie sieht Komplexität aus? Was ist ein Bild? Und welches Wissen vermittelt sich uns in Bildern? Denn das eigentliche Thema von Tobias Buckels Malerei ist der Akt des Sehen selbst. In seinen Bildern spiegelt sich unser eigener Blick. Mit seinen Inszenierungen, ja ganzen Choreographien des Blicks – die auch jenen in die Vergangenheit mit einschließen – entzieht uns der Künstler den Boden unter den Füßen und fordert von uns, im Moment zu sein – im Bewusstsein, Ungesehenes zu sehen.
Mareike Spendel, Oktober 2020

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